Die Diskussion um die Zukunft unseres Arbeitsplatzes ist ein unübersichtliches Sammelsurium aus Themen und Prinzipien. Selten erfährt man Neues, da die Instrumente der Debatte dieselben bleiben. Überstrapazierte Buzzwords bestimmen die Artikel, Studien wollen aufklären, Experten aus allen Branchen sprechen dazu oder CEOs melden sich gleich selbst zu Wort. Oft werden die vermeintlich neuen Vorschläge ziellos in den Unternehmen umgesetzt. Dabei benötigt die Debatte nur einen Begriff, den es zu berücksichtigen gilt: Vereinbarkeit.

In den 70er- und 80er-Jahren hatten Großraumbüros die deutschen Unternehmen im Griff. Die Angestellten arbeiteten an festen Plätzen, an denen sich auch ihr Telefon und, in manchen Fällen, eine Schreibmaschine befand. Anfang der 90er-Jahre kamen Computer hinzu. Die Schreibmaschine verschwand. Der Beginn der Digitalisierung. In den 00er-Jahren ermöglichten Laptop und Handy mobiles Arbeiten – das Home-Office entstand.

Arbeiten von überall – ergibt das Sinn?

Der Wandel des Arbeitsplatzes war also auch ein Wandel der technischen Möglichkeiten. Die jüngsten Entwicklungen führten zu Arbeitsmodellen, die noch zur Jahrtausendwende vollkommen undenkbar schienen. Heute gibt es Projektmanager oder Entwickler, die durch Südamerika reisen und von unterwegs arbeiten. Clouds, neue Kommunikationskanäle, aber auch ein verändertes Bewusstsein für Führung machen dies möglich. Wir sprechen von digitalen Nomaden. Sie sind noch eine Ausnahme – und werden es auch in naher Zukunft sein. Doch es ist ein Vorgeschmack darauf, wie sich Unternehmen auf die Bedürfnisse von Arbeitnehmern einstellen müssen.

Auch die Unternehmen profitieren vom Arbeitsplatz der Zukunft. Wer eigenverantwortlich im Home Office arbeitet, wird zum Mitdenker und Mitverantwortlichen. Die Beschäftigten erhalten größere Gestaltungsspielräume. Neben der Zeitsouveränität sparen sie an Fahrtzeiten und sind an einem selbst gewählten Ort womöglich produktiver, weil die Arbeitskollegen nicht stören – alles Vorteile, die die Arbeitsproduktivität und Effizienz steigern und somit positiv für die wirtschaftliche Entwicklung sind.

Arbeitnehmer werden ebenfalls differenzieren: Wer sich jeden Morgen aufs Neue darüber Gedanken machen muss, wo er heute sitzt und eigentlich einen Arbeitsplatz, der auf seine persönlichen Bedürfnisse abgestimmt ist, bevorzugt, wird mit neuen Bürokonzepten nicht glücklich werden. Auf der anderen Seite kann mobiles Arbeiten ein nächster Schritt in Richtung ständiger Verfügbarkeit bedeuten – und damit den Stress erhöhen. Der Wegfall von kollegialem Austausch und von Abstimmung an einem gemeinsamen Arbeitsplatz kann sich auch nachteilig auswirken.

Der War of Talents hat begonnen

Was gilt es also zu berücksichtigen, wenn Unternehmen an den Arbeitsplatz der Zukunft denken? Für die Generationen Y und Z stehen Spaß am Arbeitsplatz, die Stimmung unter den Kollegen und der Austausch mit den Führungskräften an erster Stelle. Der Wunsch nach Entscheidungs- und Entfaltungsfreiheit ist groß. Attraktive Raumkonzepte und vor allem die Vernetzung der Arbeitswelt unterstützen diese neuen Anforderungen.

Der War of Talents wird längst geführt. Ist er auch schon entschieden? Eine HR-Managerin meinte erst kürzlich dazu auf einer Veranstaltung: „Der War of Talents ist entschieden: die Talents haben gewonnen!“ Wir haben also einen Arbeitnehmer-Markt. Mit hohen Gehälter wird die neue Generation gut ausgebildeter Fachkräfte allerdings nicht alleine zu ködern sein. Annehmlichkeiten in kommunikativer, räumlicher und technischer Art werden bei Zu- oder Absage für einen Job auch eine Rolle spielen. Ähnlich verhält es sich mit Arbeitnehmern, die über langjährige Berufserfahrung verfügen.

Ob Großraumbüro, flexible Arbeitsplätze, offene Raumstrukturen oder mehr Kollaborationsfläche – das alles ist zweitrangig. Auch einen War Room wird es in Zukunft immer geben, in dem das Projektteam Probleme gemeinsam an einem Tisch bewältigt. Doch der Arbeitsplatz der Zukunft wird sich nicht an räumlichen Begebenheiten festmachen lassen. Seine Ziele und Anforderungen sind weitreichender.

Demokratische Prozesse fördern

Denn wenn Unternehmen an den Arbeitsplatz der Zukunft denken und diesen auch konkret planen, sollten sie ihre Mitarbeiter in den Prozess mit einbinden. Demokratie ist ein wichtiges Kriterium für modernes Arbeiten. Die Einbeziehung der Mitarbeiter ist für den Erfolg der Transformation zum Arbeitsplatz der Zukunft ausschlaggebend. Wenn Arbeitsaufgaben immer komplexer werden, dann steigen dementsprechend auch die Anforderungen an die Mitarbeiter.

Deshalb ist Vereinbarkeit entscheidend: Arbeitnehmer müssen nicht mehr vereinbar sein mit den Wünschen und Zielen ihres Arbeitgebers, sondern der Job muss vereinbar sein mit der Sehnsucht nach Selbstbestimmung, Flexibilität, Kreativität und ausreichend Freizeit. So rücken die bisher getrennten Bereiche „Leben“ und „Arbeiten“ enger zusammen, beispielsweise durch firmeneigene Kindergärten, Ruhezonen und Einkaufsmöglichkeiten.

Alphabet, Apple, Amazon und Co. machen es schon länger vor: durch Campus-ähnliche Firmengelände mit vielfältigen Angeboten zur Lebens- und Freizeitgestaltung werden die Mitarbeiter auch motiviert, mehr Zeit in der Firma zu verbringen und damit flexibler und engagierter zu arbeiten.

Der Arbeitsplatz der Zukunft passt sich also an den Arbeitsanforderungen und den Bedürfnissen der Mitarbeiter an – und nicht umgekehrt. Er ist kommunikativ, ermöglicht die Zusammenarbeit verschiedener Kollegen, wo möglich ist er mobil, in jedem Fall aber flexibel. Dazu gehört allerdings mehr als ein schickes MacBook, ergonomische Büroausstattung oder Home-Office-Regelungen.

Lebenslanges Lernen statt Nine-to-Five

Lebenslange Lernen wird den Arbeitsplatz der Zukunft mindestens genauso prägen. Laut einer Studie von PriceWaterhouseCoopers sind zwei von drei Deutschen auch dazu bereit. Die schnelle Entwicklung der Arbeitsanforderungen macht es notwendig. Ein Unternehmen kann schlecht alle paar Jahre seine Mitarbeiter austauschen. Der Arbeitsplatz der Zukunft sollte darauf ausgerichtet sein. Ausstattung und Umgebung sind einem ständigen technischen Wandel unterworfen. Lebenslanges Lernen ist von diesen äußeren Umständen weniger betroffen. Die Dynamik der Veränderungsprozesse verlangt stärker nach Umschulungen oder betrieblichen Fortbildungen.

Der Arbeitsplatz der Zukunft stellt also die gesamte Unternehmenskultur in Frage. Firmen müssen sich deshalb darauf konzentrieren, welchen Mehrwert modernes Arbeiten generieren kann. Dies ist ein Prozess, der auch Fehler und Rückschläge beinhaltet. Wer sich aber intensiv mit der eigenen Arbeitsweise und den Bedürfnissen seiner Mitarbeiter auseinandersetzt, der wird Stärken und Schwächen kennenlernen – und kann daraus ein gesamtheitliches Konzept zur Gestaltung der zukünftigen Arbeitsplätze entwickeln.